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Stephan Jersch

SKA: Bestandseinbruch beim Stint – Einschätzung und Gegenmaßnahmen des Senats

Im letzten Jahr schon zur raren Delikatesse avanciert, suchte man den Stint dieses Jahr vergeblich auf den Speisekarten. Zur genauen Abklärung der Gründe für den dramatischen Rückgang der Stint-Bestände soll zunächst eine wissenschaftliche Studie durchgeführt werden. Erst dann könnten eventuelle Maßnahmen ergriffen werden, so der Senat. Bis dahin bleiben die Stint-Teller leer.

30. April 2019

 Schriftliche Kleine Anfrage
der Abgeordneten Stephan Jersch und Norbert Hackbusch (Fraktion DIE LINKE) vom 23.04.2019
und Antwort des Senats
- Drucksache 21/16940 -

 

Betr.:    Bestandseinbruch beim Stint – Einschätzung und Gegenmaßnahmen des Senats

Die Stintbestände in der Elbe sind in den letzten Jahren deutlich eingebrochen und in diesem Jahr so niedrig wie lange nicht mehr. Nicht nur die Elbfischer schlagen Alarm. Die Wissenschaftler Prof. Dr. Ralf Thiel und Dr. Hennig Veit von der Universität Hamburg weisen dem Stint eine herausragende Bedeutung nicht nur für die Tideelbe selber, sondern auch für das Wattenmeer zu. Er stellt eine wichtige Nahrungsquelle z.B. für wichtige Fischarten der Tideelbe und der Nordsee sowie für Vogelbestände, die im Küstengebiet leben, dar.
In der NDR-Sendung „NaturNah“ vom 5. März 2019 „Der Stint – Ein Fisch und sein Fluss“ wird der Bestandseinbruch des Stints als dramatischer Zeiger für einen Situationsumschwung im Ökosystem benannt. Einige Faktoren, die zu dieser Entwicklung beigetragen haben oder beitragen können, sind vom Grundsatz her bekannt. Dazu gehören Beeinträchtigungen durch Unterhaltungsmaßnahmen, die Entnahme von großen Kühlwassermengen, die erhöhte Trübung des Wassers, der Verlust von Flachwasserzonen und geringe Sauerstoffwerte in der Elbe zu für den Stint kritischen Zeitpunkten. Die negative Bestandsentwicklung wurde insbesondere im letzten und in diesem Jahr durch die Fangmengen und Beobachtungen der Fischer deutlich. Die Ursachen für die negative Entwicklung reichen jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach weiter zurück.

Vor diesem Hintergrund fragen wir den Senat:

Befischungen innerhalb der hamburgischen Tideelbe im Rahmen der Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie zeigen, dass der Stint traditionell die dominante Fischart ist. Im Atlas der Fische und Neunaugen Hamburgs der für Naturschutz zuständigen Behörde aus dem Jahr 2015 wird der Stint als nicht gefährdet eingestuft. Gleichwohl nimmt der Senat Hinweise auf einen Schwund der Stintbestände in den letzten Jahren sehr enrst.
Da bislang keine wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Stintbestand, dessen Entwicklung und den darauf Einfluss nehmenden Faktoren vorliegen, haben die zuständigen Behörden - als Reaktion auf die öffentlichen Äußerungen  mehrerer Fischer im vergangenen Jahr, dass ihre Stint-Fangmengen deutlich zurückgegangen seien -  im Herbst 2018 unter Beteiligung verschiedener Akteure wie z.B. von Fischern und Wissenschaftlern Möglichkeiten zur konkreten Erfassung des Stint-Bestandes und dessen Entwicklung erörtert.
Daraufhin wurde seitens der Stiftung Lebensraum Elbe ein Auftrag zur Aufbereitung und Auswertung von Stint-Fangdaten vergeben.
Bezogen auf die Wirkung unterschiedlicher Einflussfaktoren auf die Stintpopulation liegen abstrakt folgende Erkenntnisse vor:

Beim Stint handelt es sich um eine pelagische Fischart, d.h. sie lebt bevorzugt im sogenannten  Freiwasser. Die Seeschifffahrtsrinne in der Tideelbe ist ein geeigneter Lebensraum der geschlechtsreifen Stinte.
Innerhalb eines Kühlwassersystems können verschiedene Effekte, z.B. mechanische, thermische oder chemische Schädigungen, negative Auswirkungen auf die an- bzw. eingesaugten Stinte, Eier und Larven haben und letztendlich Schädigungen bis hin zu ihrem Tod auslösen.
Hohe Konzentrationen an Schwebstoffpartikeln im Gewässer sorgen dafür, dass Stinteier schlechter mit Sauerstoff versorgt werden. Außerdem verringert eine hohe Gewässertrübung den Nahrungserfolg insbesondere von Stintlarven. Beides reduziert den Aufwuchserfolg.
In Flachwasserzonen leben bevorzugt Jungstinte. Durch den Verlust derartiger Habitate verlieren sie wichtige Nahrungs- und Rückzugsgebiete. Dies reduziert den Aufwuchserfolg.
Stinteier, Stintlarven und Jungstinte sind gegenüber niedrigen Sauerstoffkonzentrationen (< 4,5 mg O2/l) besonders sensitiv. Im Gegensatz zu geschlechtsreifen Stinten können sie keine bzw. nur kleinräumige Ausweichreaktionen durchführen. Derartige Sauerstoffkonzentrationen erhöhen daher die jeweilige Sterberate.

Um zu ermitteln, wie derartige Aspekte konkret auf die Stintpopulation in der Elbeeinwirken, soll von der obersten Fischereibehörde in fachlicher Abstimmung mit der für Wasserwirtschaft zuständigen Behörde  eine Studie zum Stintbestand in der Tideelbe, seiner Entwicklung, den bestandsbeeinflussenden Faktoren sowie zur Ableitung möglicher Maßnahmen zur Stützung und Förderung des Artbestandes in der Tideelbe beauftragt werden.

Dies vorausgeschickt, beantwortet der Senat die Fragen wie folgt:

 

1. Welche Erkenntnisse liegen dem Senat zur Entwicklung des Stintbestands in den letzten zwanzig Jahren vor?

Siehe Vorbemerkung.

 

2. Welche Auswirkungen auf FFH-Arten können von einem Zusammenbruch des Stintbestandes ausgehen?

3. Welche Auswirkungen auf FFH-Arten erkennt der Senat?

Der Stint dient den nach der Fauna-Flora-Habitatrichtlinie (FFH) geschützten Arten Rapfen, Finte und Schweinswal teilweise als Nahrungsgrundlage, sodass grundsätzlich Auswirkungen auf diese FFH-Arten denkbar wären. Ein wesentlicher Rückgang des Stintbestands könnte einen Bestandsrückgang dieser Arten zur Folge haben. In welchem Umfang bzw. mit welcher Intensität ein möglicher Zusammenbruch des Stintbestands tatsächlich Auswirkungen auf diese FFH-Arten nach sich ziehen würde, ist jedoch unklar, da die Populationsentwicklung dieser FFH-Arten noch von diversen weiteren Faktoren beeinflusst wird.

 

4. Welche Erkenntnisse liegen dem Senat bzgl. der Wirkung der im folgenden genannten Faktoren auf den Stintbestand vor? Konkret:
a. Flussunterhaltungsmaßnahmen
b. Kühlwasserentnahmen
c. Trübung
d. Verlust von Flachwasserzonen
e. Niedrige Sauerstoffwerte

Siehe Vorbemerkung.

 

5. Gibt es weitere Faktoren, die sich auf die Entwicklung des Stintbestands ausgewirkt haben (könnten)? Falls ja, bitte Informationen wie bei Frage 4 ergänzen.

Zu weiteren Faktoren, die auf den Stintbestand in der Tideelbe einen negativen Einfluss haben können, zählen beispielsweise die intensive Befischung, der Wegfraß durch Prädatoren (Fische, Vögel, Säugetiere), eine mangelnde Oberwassermenge zur Laichzeit sowie schadstoffbedingte hormonelle oder organische Beeinträchtigungen.

 

6. Wie bewertet der Senat die Auswirkungen der unter 4.a.-e. genannten Faktoren in den letzten fünf Jahren? Welche Erkenntnisse liegen dem Senat insbesondere bzgl. der Wirkung der zeitweise erfolgten Kühlwasserentnahme aus der Elbe durch das Kohlekraftwerk Moorburg in diesem Zeitraum vor?

Alle aufgeführten Faktoren sind als potentiell relevant einzustufen, ohne dass derzeit eine Gewichtung möglich ist, siehe dazu im Übrigen Vorbemerkung.

Die kühlwassernutzungsbedingte Schädigung des Stintes steht in Abhängigkeit zur genutzten Frischwassermenge.

 

7. Welche Maßnahmen zur weiteren Ursachenklärung werden unternommen?

Siehe Vorbemerkung.

 

8. Gibt es bezüglich der Entwicklung der Stintbestände einen Austausch mit Niedersachsen und Schleswig-Holstein?
Wenn ja: Wie wird in den beiden Nachbarbundesländern die Lage eingeschätzt?
Wenn nein, warum nicht?

9. Werden dort Untersuchungen angestellt und spezielle Maßnahmen ergriffen?

Innerhalb des Koordinierungsraumes Tideelbe der Flussgebietsgemeinschaft Elbe hat es zuletzt im März 2019 einen themenbezogenen Fachaustausch auf Referentenebene gegeben.
Eine gemeinsame Bewertung der Tideelbe-Anrainerländer zur Bestandsentwicklung des Stintes gibt es bisher nicht. Auf der kommenden Sitzung des Koordinierungsraumes Tideelbe der Flussgebietsgemeinschaft Elbe am 6. Mai 2019 ist eine Befassung zum Stint vorgesehen.
Das Ergebnis dieser Sitzung ist abzuwarten.

 

10. Welche Maßnahmen werden kurzfristig/mittelfristig/langfristig ergriffen, um eine Erholung des Stintbestands zu erreichen?

Siehe Vorbemerkung.


Stephan Jersch ist Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft. Für die Fraktion DIE LINKE ist er Fachsprecher für Wirtschaft, Umwelt und Technologie, Medien- und Netzpolitik, Landwirtschaft, Bezirke, Tierschutz. Er vertritt seine Fraktion in den Ausschüssen für Umwelt sowie Wirtschaft, Innovation, Medien. 

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