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Stephan Jersch

SKA: Reduzierung der Strom- und Wärmeerzeugung in den Kohle-Heizkraftwerken in Hamburg

Hamburgs mit Kohle betriebene Heizkraftwerke dienen nicht nur der Wärmeversorgung, sondern laufen auch außerhalb der Heizperiode und liefern Strom, aber auch Dampf für die Industrie. Offenbar ein lohnendes Geschäft auf Kosten von Umwelt und Anwohner*innen, dessen Details sich oftmals hinter "Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen" verstecken.

28. Februar 2020

 Schriftliche Kleine Anfrage
des Abgeordneten Stephan Jersch (DIE LINKE) vom 20.02.2020
und Antwort des Senats
- Drucksache 21/20243 -


Betr.:    Reduzierung der Strom- und Wärmeerzeugung in den Kohle-Heizkraftwerken in Hamburg

Der Antrag der Fraktion die LINKE „Shutdown für Kohlemeiler Wedel und Tiefstack außerhalb der Heizperiode“ (Drs. 21/18777) war am 6. November 2019 Gegenstand einer Debatte in der Bürgerschaft. Es wurde beantragt, das Kohleheizkraftwerk Wedel ab sofort außerhalb der für die Wärmeerzeugung notwendigen Heizperiode außer Betrieb zu nehmen.

Den 10. Hamburger Wärmedialog am 4. Februar 2020 leitete der Moderator mit der Bemerkung ein, von dieser Bürgerschaftsdebatte seien viele leicht irritiert gewesen. Die EnergieNetz Hamburg eG habe daher das Öko-Institut mit einem Kurzgutachten zur Frage einer Sommerpause für das Heizkraftwerk Wedel beauftragt.

In diesem Kurzgutachten des Öko-Instituts wird bei Bezugnahme auf das HKW Wedel am Ende seines Abschnitts 3.1 berichtet: „Wenn beide Blöcke außer Betrieb sind, ist die Versorgung eines Industriebetriebs mit Prozessdampf durch mit Schweröl beheizte Hilfskessel erforderlich. Diese Hilfskessel müssen in diesem Fall auch den Dampf bereitstellen, der für die Flüssighaltung des Schweröls benötigt wird, mit dem die Kohlekessel wieder angefeuert werden.“

Bei einer Tagung der Handelskammer Hamburg am 20.1.2016 zeigte der damalige Geschäftsführer der Vattenfall Wärme Hamburg eine Darstellung der Beiträge der Wärmeerzeugungsanlagen in Form einer Jahresdauerlinie. Diese Darstellung wurde häufig zitiert und ist beispielsweise auf Seite 8 des folgendem vom Zukunftsrat veröffentlichten Papiers  zu finden:
https://www.zukunftsrat.de/fileadmin/pdf/2016_W%C3%A4rmedialog_II_Faktencheck.pdf

Ich frage den Senat:

Der Senat beantwortet die Fragen teilweise auf der Grundlage von Auskünften der Wärme Hamburg GmbH (WH) wie folgt:

 

1. Nach der zitierten Jahresdauerlinie des zentralen Hamburger Fernwärmesystems beträgt die Länge der Zeitspanne außerhalb der Heizperiode etwa 2.500 Stunden (6260 bis 8760). Wie lange dauerten jeweils die Zeitspannen außerhalb der Heizperiode für das zentrale Fernwärmesystem in den letzten fünf Jahren?

2. Wie sieht die aktuellste, der oben zitierten Jahresdauerlinie entsprechende Jahresdauerlinie des zentralen Hamburger Fernwärmesystems aus? Bitte möglichst in ähnlicher Form wiedergeben wie die zitierte.

3. Bei der zitierten Jahresdauerlinie beträgt der Fernwärmebeitrag des Heizkraftwerks Wedel außerhalb der Heizperiode nur etwa 0,5 Prozent der gesamten jährlichen Fernwärme bzw. etwa 20 GWh. Wie groß waren die entsprechenden Fernwärmebeiträge des HKW Wedel außerhalb der Heizperiode in den letzten fünf Jahren, relativ und absolut?

Die Angaben in der skizzierten Jahresdauerlinie haben lediglich eine erläuternde Funktion. Die Zeitspanne außerhalb der Heizperiode dauert jährlich vom 1. Mai bis 31. September. Eine aktuelle Jahresdauerlinie in der zitierten Form liegt nicht vor und wird regelmäßig nicht erstellt.

Die Fernwärmebeiträge des HKW Wedel außerhalb der Heizperiode unterliegen dem Betriebs- und Geschäftsgeheimnis der WH.

 

4. Zu den Wärmelieferungen an den industriellen Kunden für Prozessdampf in Wedel:

a) Sind die Wärme- bzw. Dampflieferungen an den industriellen Kunden in Wedel in der zitierten Jahresdauerlinie enthalten und inwieweit lassen sich die etwa 0,5 Prozent der Wedeler Kraftwerke außerhalb der Heizperiode mit diesen erklären?

b) Wie groß war die jährlich an diesen industriellen Kunden abgegebene Wärmemenge in GWh jeweils für 2019 und für 2018?

c)     Fällt der hiermit verbundene Prozessdampf-Bedarf weitgehend kontinuierlich an oder gibt es regelmäßige Unterbrechungen?

Die Skizze zeigt die Einspeisungen in das Hamburger Fernwärmesystem. Angaben zu Lieferbeziehungen sind Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse der WH.

Der Prozessdampf-Bedarf richtet sich nach den Anforderungen des industriellen Kunden.

d)     Gibt es bei dieser Prozessdampfversorgung eine Sommerpause? Wenn ja, wie lange dauert diese und wird sie möglicherweise mit der Revisionszeit der Blöcke des HKW Wedel koordiniert?

Bei dieser Prozessdampfversorgung gibt es keine Sommerpause. Lediglich innerhalb der Revisionszeiten ist vertraglich eine zeitlich begrenzte Einschränkung der Versorgung vereinbart.

 

5. Zu der im Kurzgutachten des Öko-Instituts berichteten Nutzung von Schweröl im HKW Wedel:

a) Für welche einzelnen Zwecke wird das Schweröl gegenwärtig eingesetzt?

b) Welche Schadstoff-Filter werden bei der Schweröl-Nutzung eingesetzt, mit welchen Ergebnissen bei der Schadstoff-Reduzierung?

c)     Im HKW Moorburg wird für ähnliche Zwecke zur Dampferzeugung Heizöl EL eingesetzt. Wie groß wäre der finanzielle und betriebliche Aufwand, das Schweröl in dieser oder einer anderen Weise zu ersetzen, auch um die Schadstoffbelastung der Anwohner*innen  durch Emissionen aus der Schwerölnutzung zu reduzieren?

Der Einsatz von Schweröl wird allein zum Anfahren der Blöcke benötigt. Die Hilfskessel werden (anders als im Kurzgutachten dargestellt) nicht mit schwerem Heizöl betrieben, sondern mit Heizöl Extra Leichtflüssig (EL).
Im kurzzeitigen Anfahrprozess werden keine speziellen Schadstofffilter eingesetzt. Das Anfahren erfolgt gemäß den Regularien der 13. Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes (BImSchV).

 

6. Wie ist die in der zitierten Jahresdauerlinie erkennbare leichte Absenkung der Fernwärmelieferung aus den Müllverbrennungsanlagen in der Borsigstraße (MVB) in den Zeiten des niedrigsten Fernwärmebedarfs (rechtes Ende der Jahresdauerlinie) zu erklären?

Unabhängig von der Darstellung fallen auch in der MVB Revisionszeiten an. Sie führen zu einer reduzierten Wärmeeinspeisung der Anlage.

 

7. Wann sind in Zeitspannen außerhalb der Heizperiode in den letzten fünf Jahren die Fernwärmelieferungen aus den Müllverbrennungsanlagen Borsigstraße (MVB), aus dem HKW Tiefstack bzw. aus dem GuD Tiefstack ins Fernwärmenetz ausgefallen, sodass andere Fernwärmequellen ersatzweise einspringen mussten?

a) Bitte die letzten Ausfallereignisse in einer Tabelle mit bis zu zehn Einträgen mit Datum und Länge der Ausfallzeit jeweils für die drei Fernwärme-Erzeuger angeben.

b) Welche Erzeugungsanlagen wurden bei diesen Ausfallereignissen als Ersatz für die Fernwärme aus den genannten Erzeugungsanlagen eingesetzt?

Ein Ausfall der in der Fragestellung genannten Anlagen außerhalb der Heizperiode, sodass andere Fernwärmequellen ersatzweise einspringen mussten, hat es in den letzten fünf Jahren nicht gegeben.

 

8. Bestehen außerhalb der Heizperiode Netzrestriktionen, die verhindern, dass das gesamte Fernwärmenetz durch Erzeugungsanlagen im östlichen Netz mit Fernwärme versorgt werden kann? Wenn ja, welcher Art und wie bedeutend sind diese Netzrestriktionen?

Ja. Die Wärmemenge wird über die Wassermenge und die Vorlauftemperatur gesteuert. Die maximalen Wassermengen sind durch die hydraulischen Restriktionen im Fernwärmenetz beschränkt (Druckverluste in den Rohrleitungen, Leistung der Pumpstationen usw.) und begrenzen damit die Versorgungsreichweiten der Fernwärmeanlagen je nach Außentemperatur. Diese Begrenzungen treten auch außerhalb der Heizperiode auf, so dass eine alleinige Fernwärmeversorgung durch Erzeugungsanlagen im östlichen Netz nicht möglich ist.

 

9. Im Kurzgutachten des Öko-Instituts wurde als Mindestlast für das HKW Wedel „ca. 35 - 40 MWel“ angegeben. Wie groß sind jeweils die thermischen und die elektrischen Mindestleistungen für den Betrieb des Blocks Wedel 1 und des Blocks Wedel 2? Bitte auch die Mindestleistungen bei einer Fahrweise ohne Stromerzeugung bzw. ohne Wärmeerzeugung angeben.

Für einen stabilen und zulässigen Betrieb ist für die Blöcke eine Mindestlast erforderlich, die sich auf die thermische und elektrische Leistung aufteilt. Die elektrischen Mindestleistungen liegen in der oben genannten Größenordnung. Die thermischen Mindestleistungen sind Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse der Wärme Hamburg GmbH. Die Mindestleistungen sind allerdings von weiteren Einflussfaktoren abhängig.

 

10. Im Sommer sind beide Blöcke des Heizkraftwerks Wedel regelmäßig für einige Wochen gleichzeitig abgeschaltet. Zumindest in diesem Zeitraum wird die Fernwärme im Vorlauf durch die Wedel-Leitung in Richtung Wedel transportiert. Nach einer Erklärung des Betriebsleiters des HKW Wedel, Herrn Wonka, beim 10. Wärmedialog gibt es maximal eine Richtungsumkehr pro Jahr.

a) Wann wurden Umkehrungen der Wärmetransport-Richtung auf der Wedel-Leitung in die eine bzw. die entgegengesetzte Richtung in den letzten fünf Jahren jeweils vorgenommen?

b) In welchem Umfang werden in diesem Zeitraum Fernwärmelieferungen aus Wedel durch Fernwärmelieferungen aus den Heizwerken Haferweg und HafenCity ersetzt?

Die Strömungsumkehr wird zeitlich befristet während der Revisionen umgesetzt. Die Zeiträume der letzten fünf Jahre sind statistisch nicht erfasst. Üblicherweise liegt der Zeitraum zwischen zwei und acht Wochen.
In Abhängigkeit der Verfügbarkeit der anderen Anlagen und der Außentemperatur werden Fernwärmelieferungen aus Wedel durch Fernwärmelieferungen aus den Heizwerken Haferweg und HafenCity ersetzt.   

 

11. Aus den öffentlich zugänglichen Daten in den ENERGY CHARTS von Fraunhofer ISE ergibt sich beispielsweise für die Monate Juli und August 2019 eine starke Korrelation zwischen der Stromerzeugung in den beiden Blöcken im HKW Wedel und den im gleichen Datenportal verfügbaren Verläufen der Börsenstrompreise. Im Gegensatz dazu behauptete der Betriebsleiter des HKW Wedel, Herr Wonka, beim 10. Wärmedialog, das Heizkraftwerk Wedel würde nicht stromgeführt gefahren. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Ein Widerspruch ist aus Sicht des Senats nicht zu erkennen. Auf dem 10. Wärmedialog wurde erläutert, dass das HKW Wedel in der Regel nicht strompreisgeführt gefahren wird, was allein aufgrund des Alters und der Wirkungsgrade der Blöcke naheliegend ist. Der Versorgungauftrag lautet, die Wärmeversorgung sicher zu stellen. Ungeachtet dessen sind die Stromerlöse einer Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) - Anlage natürlich ein Beitrag zur Wirtschaftlichkeit des Unternehmens.

 

12. Wieviel elektrischer Strom wurde von Block 1 bzw. Block 2 in den letzten fünf Jahren in den Zeitenabschnitten außerhalb der Heizperiode ins Netz eingespeist? (Bitte als Tabelle für einzelne Jahre und Blöcke angeben)

Netto-Strommengen für den Zeitraum April bis September in MWh:

Jahr

Block 1

Block 2

2019

120.667,7

182.356,3

2018

150.236,2

214.623,0

2017

227.913,2

99.724,7

2016

268.317,2

207.848,3

2015

310.710,0

210.867,9

2014

313.232,0

214.441,0

 

13. Ist es richtig, dass die auf die Stromerzeugung des HKW Wedel außerhalb der Heizperiode zurückzuführenden gesamten Erlöse des Unternehmens Wärme Hamburg GmbH pro Jahr in zweistelliger Millionenhöhe liegen? Wie hoch waren diese im letzten Jahr?

Diese Angabe ist ein Betriebs- und Geschäftsgeheimnis der Wärme Hamburg.

 

14. Beabsichtigt der Senat, ein ausführlicheres Gutachten zu dem im Kurzgutachten des Öko-Instituts vorgeschlagenen „CO2-optimierten Betrieb“ des HKW Wedel bzw. des gesamten Fernwärmesystems oder zur vertieften Prüfung von anderen in diesem Kurzgutachten diskutierten Vorschlägen erstellen zu lassen?

a) Mit welcher zeitlichen Perspektive?

b) Wird ein derartiges Gutachten ausgeschrieben werden?

Die WH und der Senat haben zugesagt, die Vorschläge des Kurzgutachtens vom Öko-Institut zu untersuchen. Diese Prüfungen sind noch nicht abgeschlossen. Ob im Rahmen der Prüfungen festgestellt wird, dass es eines weiteren Gutachtens bedarf, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht gesagt werden.

 

15. Welche grundsätzlichen rechtlichen Hindernisse gibt es nach Auffassung des Senats für einen Ausgleich möglicher finanzieller Einbußen der Wärme Hamburg GmbH durch städtische Finanzmittel oder durch Maßnahmen innerhalb des HGV-Konzerns, wenn diese Einbußen ausschließlich dadurch entstehen, dass

a) die CO2-Emissionen weiter reduziert werden sollen,

b)     die den Fernwärmekunden gegebene Bürgermeister-Preisgarantie eingehalten werden soll?

Die Unternehmensführung und damit die finanzielle Verantwortung für das Geschäftsergebnis obliegt der Geschäftsführung der WH. Dabei hat sie neben Renditebetrachtungen auch energie- und umweltpolitische Ziele und nachhaltiges Wirtschaften einzubeziehen. Vor dem Hintergrund des gezahlten Kaufpreises und der Umsetzung eines neuen Erzeugungs- und Unternehmenskonzepts wird mittelfristig eine positive Ergebnisentwicklung erwartet. Mit der Frage, ob und wie sich in diesem Rahmen eine Reduzierung der Strom- und Wärmeerzeugung in den Kohlekraftwerken der WH vor dem ohnehin geplanten Kohleausstieg wirtschaftlich abbilden lassen würde, haben sich die  Unternehmensgremien (Aufsichtsrat, Gesellschafter) bisher nicht abschließend befasst.


Stephan Jersch ist seit 2015 Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft und gewählter Wahlkreisabgeordneter für Bergedorf. Für die Fraktion DIE LINKE ist er Fachsprecher Umwelt und Energie, Landwirtschaft, Tourismus, Tierschutz und Bezirke.

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