Wasserqualität - Wenn Medikamente da wirken, wo es weh tut
Von Janine Burkhardt und Stephan Jersch: Viele kennen die Werbung von »Voltaren«: »Wieder Freude an der Bewegung« – ein Versprechen, dass auf den Wirkstoff Diclofenac setzt. Schmerzgele wie dieses oder Vergleichbare versprechen da zu wirken, wo es weh tut. Und in der Tat, sie wirken da, wo es weh tut, nur anders als gedacht – in Gewässern. Mit der Anwendung auf der Haut gelangt Diclofenac durchs anschließende Waschen der Hände oder später der behandelten Hautpartien unverändert in das Abwasser. Der Grund: durch die äußerliche Anwendung findet keine vollständige Aufnahme des Wirkstoffs statt.
- Dieser Artikel stammt aus dem Bürger:innen-Rundbrief 07/2025 von Heike Sudmann und Stephan Jersch, der monatlich kostenlos erscheint und als PDF kostenlos abonniert werden kann. Siehe hier.
In den Kläranlagen kann die Substanz nur in geringem Maße eliminiert werden, sodass sie letztlich in Gewässern wie Flüssen oder Seen eingeleitet wird, was zu erhöhten Konzentrationen in der Umwelt führt – mit messbaren Folgen. So wirkt die Substanz beispielsweise für Fische toxisch. Tatsächlich zeigt sich zudem auch, dass der Wirkstoff durch Flohkrebse in eine toxische Substanz umgewandelt wird (Diclofenac-Methyl-Ester – hier). Das Problem ist hinlänglich bekannt.
Rückstände von Arzneimitteln, Pflanzenschutzmitteln, Bioziden oder anderen Chemikalien sowie deren Abbauprodukte können schon in geringen Konzentrationen schädlich für die Umwelt oder auch die menschliche Gesundheit sein.
Sie gelangen auf verschiedenen Wege – z.B. durch Abwässer aus Kläranlagen, Auswaschung über Niederschläge oder Direkteinleitung – in Gewässer und können so eine toxische Wirkung entfalten. Immer wieder wird die Wirkung auf die
Umwelt erst nach vielen Jahren durch Studien bekannt. Im Fall von Diclofenac wirkt es sich toxisch auf die Nieren von
Fischen aus (hier). Der geplante Grenzwert für Gewässer soll laut EU zukünftig bei 0,04 μg/l liegen. Dieser wird in vielen Flüssen weit überschritten, so auch in Hamburg. Laut eines Berichts der Tagesschau lag die Konzentration von Diclofenac bei 2,84 μg/l im Auslauf der Kläranlage.
Eine wirksame Maßnahme, um (neuartige) Schadstoffe wie Diclofenac aus dem Abwasser zu entfernen, stellt der Aus-
bau von Kläranlagen um eine zusätzliche vierte Reinigungsstufe dar. Mit der Novellierung der kommunalen Abwasser-
richtlinie der EU wird dieser Ansatz verfolgt. Doch günstig ist das nicht, denn der Ausbau einer vierten Reinigungsstufe
ist mit erheblichen Kosten verbunden. Zukünftig sollen sich die Pharma- und die Kosmetikbranche daher an den Kosten
der Abwasserreinigung beteiligen. Denn laut EU-Kommission stammen rund 80% der problematischen Stoffe in Gewässern aus genau diesen beiden Sektoren.
Vor diesem Hintergrund hat die EU eine erweiterte Herstellerverantwortung in der Richtlinie eingeführt (hier und hier). Damit erfolgt ein längst überfälliger Paradigmenwechsel, denn nun gilt ein Stück weit das Verursacherprinzip, welches die Hersteller verpflichtet, einen Großteil der Kosten, die für den Ausbau der vierten Reinigungsstufe von Klärwerken anfallen, zu übernehmen. Der Bundesverband der Arzneimittelhersteller sieht dies erwartungsgemäß kritisch. So können Patient*innen durch die Anwendung von Arzneimitteln schneller wieder gesund werden und damit auch schneller wieder zur Arbeit gehen bzw. sich um die Familie kümmern. Es gäbe also einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen, weshalb eine Folgenbereinigung auch über die gesamte Gesellschaft und damit etwa über die Abwassergebühren abzubilden sei (hier). Verschiedene Arzneimittelhersteller haben mittlerweile Klage gegen die erweiterte Herstellerverantwortung in der »Kommunalen Abwasserrichtlinie« eingereicht. So würden durch eine weitere Reinigungsstufe auch andere Problemstoffe aus anderen Branchen entfernt (hier).
Die Kommunale Abwasserrichtlinie muss noch in nationales Recht überführt werden – dies muss ohne jegliche Aufweichung erfolgen! Dies schafft auch Anreize für Hersteller, umweltfreundlichere Produkte zu entwickeln und Einträge von neuartigen Schadstoffen an der Quelle zu reduzieren. Währenddessen verkaufen sich Voltaren oder vergleichbare Produkte mit dem Wirkstoff Diclofenac weiterhin millionenfach.
Der Wirkstoff ist aber nur einer von vielen, der für Probleme in den europäischen Gewässern sorgt. Doch allein auf technische Lösungen zu setzen, reicht nicht aus. Viele Stoffe können auch mit einer vierten Reinigungsstufe nicht oder kaum entfernt werden. Im besten Falle gelangen solche Stoffe gar nicht erst ins Abwasser.

